Ein Ausblick in die Zukunft der Generika und Biosimilars Teil 2.

Der Generika- und Biosimilarsindustrie steht ein Change bevor. Diese vier Zukunftsvarianten sind vorstellbar.

Dieser Blogartikel bildet die Fortsetzung unseres ersten Teils „Die Zukunft der Generika und Biosimilarsindustrie“ in welchem wir die zukünftigen Herausforderungen und neuen Gegebenheiten der Generika und Biosimilarhersteller skizziert haben. Ein Change steht bevor und die Zukunft hat sehr wahrscheinlich nicht nur eine Variante für uns in petto.

Ebenso wie der erste Teil dieses Blog Artikels besteht auch der zweite Teil aus Auszügen einer Pro Generika Studie in Zusammenarbeit mit der Steinbeis Hochschule und basiert zum großen Teil auf deren Erkenntnissen und Expertenbefragungen.1

Die Einschätzung von Experten.

Dr. Thomas Strüngmann, Mitgründer des Pharmaunternehmens Hexal aus Holzkirchen in Oberbayern und BioTech Investor, gab in einem Interview zur Zukunft der Generika und Biosimilarsindustrie folgende Einschätzung ab:

„Die Geschwindigkeit, mit der sich der Generika- und Biosimilarsmarkt entwickeln wird und damit seine Zukunft, ist schwierig vorauszusehen. Meine Erfahrung ist, dass die Entwicklung im pharmazeutischen Markt eher langsam im Vergleich zu anderen Industriezweigen voranschreitet. Apothekenketten hatte ich zum Beispiel schon lange für Deutschland vorausgesagt. Wir haben sie bis heute nicht.“

Der Generikamarkt wird zunehmend von den Kassen, zum Beispiel in Deutschland oder dem Handel, also Apotheken und digitalen Plattformen, beherrscht. Dies geschieht mit zunehmendem Preisdruck. Der durchschnittliche Tablettenpreis liegt in Deutschland bei sechs Cent. Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch Amazon und weitere Technologieriesen in den Arzneimittelmarkt eintreten werden.

Der Biosimilarsmarkt zieht nach.

Der Biosimilarsmarkt steht in seiner Entwicklung erst am Anfang. Es wird in Zukunft jedoch auch hier einen genauso harten Preiswettbewerb geben. Die deutsche Politik kündigte bereits an, dass in den nächsten zwei Jahren auch mit Ausschreibungen für die Biosimilar zu rechnen ist. Die Technologie wird in der Generika- und Biosimilarsindustrie nicht der große Treiber für Veränderungen sein, denn ein Generikum muss dem Original so „ähnlich“ wie möglich sein. Das heißt „alte“ Technologien sind gefragt. Was in Zukunft jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit vorhanden sein wird, sind Weiterentwicklungen von Generika. Auf Basis der Substanzen können mithilfe neuer Technologien weitere Darreichungsformen entwickelt werden.“2

Nun aber wie in Teil 1 des Blogs angekündigt mehr zu den vier möglichen Szenarien 2030 plus. Auf Basis der Delphi-Experten Befragung wurden die folgenden vier Bilder der Zukunft mit der sog. Szenario Technik entworfen. Die Technik bringt nicht nur ein Bild der Zukunft hervor, sondern gleich vier. Damit wird der Fejöer vermieden, der den meisten Menschen unterläuft, wenn sie sich ein Bild der Zukunft machen. Denn ein einzelnes Bild kann schnell irren. Die vier Szenarien entstammen dem 4-Quadranten-Schaubild, das allgemein geläufig ist. Diese Darstellungsweise ist nicht nur übersichtlich, sondern auch inhaltlich einleuchtend.

Um die vier Szenarien aufzusetzen, wurden zwei Variablen gewählt:

  1. Zum einen die Dynamik der Branchenentwicklung
  2. Zum anderen die Art und Weise der Wertschöpfung in der Branche

 

Anbei nun das 4-Quadranten-Schaubild mit den oben erwähnten vier Szenarien.

Blogartikel
Das 4-Quadranten-Schaubild mit zwei Variablen zur Kategorisierung der vier verschieden Zukunftsvarianten der Generika- und Biosimilarsindustrie.3

Sobald man also nun diese zwei Größen bzw. Variablen gewählt hat, ergeben sich daraus, wie in Grafik 1-2 skizziert, rein kombinatorisch folgende vier Zukunftsszenarien.4

Die vier zukunftsszenarien
Kurze Beschreibung der vier möglichen Zukunftsszenarien mit zwei Variablen: Ausprägung des Wertschöpfungsmodells und Dynamik der Transformation.

Die Charakteristika der vier Varianten.

Jede der Varianten hat ihre eigene Charakteristik. Im Szenario 1 mit hoher, disruptiver Marktdynamik, aber klassischen Wertschöpfungsmodell sind wir mit neuen Spielregeln in der alten Heimat konfrontiert.

Szenario 2 zeigt ebenfalls ein hohes Maß an Dynamik, gleichzeitig aber mit neuartiger Wertschöpfung. Die Branche erfindet sich neu und der Geschäftsfokus liegt auf der sog. Plattformökonomie.

Im Szenario 3 reden wir über eine schwache, aber evolutionäre Marktdynamik mit klassischer Wertschöpfung. Die Branche bricht auf in eine neue Welt. Die Unternehmen verlagern ihre Standorte nach Afrika.

Das Szenario 4 zeichnet sich wiederum durch eine schwache, aber evolutionäre Marktdynamik aus. Dennoch herrscht ein neuartiges Wertschöpfungsmodell. Es geht um eine konsequente Neuorientierung, nämlich die Neuformierung des Geschäftsmodells mit Fokus auf Biosimilars.

Die Charakteristika der vier Pole:

Was passiert in den vier Szenarien? Insgesamt können sieben Dimensionen betrachtet werden, die im Folgenden kurz dargestellt sind:

Bei den sieben Dimensionen handelt es sich um: 1) Welt; 2) Gesellschaft; 3) Wirtschaft; 4) Technologien; 5) Markt; 6) Gesundheitssystem und 7) Staat.

Die Charakteristika der vier Pole innerhalb von 7 Dimensionen.
Tabelle gross

Abschließend zwei kurze Einschätzungen von CureVac Gründer Dr. Ingmar Hoerr sowie dem Partner und Head of Life Sciences and Chemicals Thomas Hillek bei der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Dr. Ingmar Hoerr:5

Wie bewerte er die im Szenario beschriebene Zukunft der pharmazeutischen Industrie, insbesondere des Generika- und Biosimilarbereichs?

„Wir befinden uns gegenwärtig in einem wesentlichen Paradigmenwechsel. Die Individualisierbarkeit der Medizin bezieht sich nicht mehr nur auf die ärztliche Vorsorge, sondern vielmehr auch auf die Medikation von Patienten. Bereits heute arbeiten wir bei CureVac, gemeinsam mit Tesla, an einem mobilen RNA-Drucker, welcher die Herstellung von Wirkstoffen auf der ganzen Welt ermöglicht. Das Ganze kann man sich wie ein Reinraumlabor in Containergröße vorstellen.

Große Technologieunternehmen sehe ich in diesem Szenario in einer tragenden Rolle. Gerade mit dem Blick auf die individuelle Therapie ist das Druck-Geschäftsmodell sehr kompatibel mit dem beispielsweise von Amazon. Den Einstieg von Generika- und Biosimilarsunternehmen in den RNA-Druck sehe ich erst in der sehr langfristigen Zukunft. Das Geschäftsmodell der Unternehmen beginnt in der Regel mit Ablauf des Patentschutzes von Medikamenten. Genau das Gleiche würde auch für die RNA-Drucker gelten. Grundsätzlich sehe ich es also als absolut realistisch an, dass ein solches Szenario eintritt. Wann genau kann ich jedoch nicht sagen.“

Thomas Hillek:6 Welchen Einfluss wird eine Entwicklung hin zur Plattformökonomie auf die Generika- und Biosimilarsindustrie haben?

„Der zunehmende Trend zur Plattformökonomie und zum E-Commerce, verschärft durch die Covid-19 Pandemie, wird die Biosimilar- und Generikaindustrie in der Zukunft vor die Entscheidung stellen: Entweder investieren die Unternehmen selbst in eigene Verkaufs- und Kundenplattformen oder sie steigen in enge Kooperationsmodelle mit den großen Tech-Giganten ein.

Hierbei wird es unumgänglich für die Unternehmen sein, ihre Anpassungsfähigkeit zu erhöhen. Die Biosimilars- und Generikahersteller müssen wesentlich agiler und digitaler werden, sowie ihre Produkte und Dienstleistungen an Kundenbedürfnissen ausrichten.

Ein durch und durch vernetztes Unternehmen – Connected Enterprise – ist erforderlich. Dieses ist mit allen Stakeholdern im Gesundheitssystem verbunden und stellt den Kunden in den Mittelpunkt. Hierfür müssen alle Teile eines Unternehmens funktionsübergreifend organisiert werden und eng im Innen- sowie Außenverhältnis zusammenarbeiten. Gerade bei der rasanten Digitalisierung in der Pharmabranche ist eine funktionsübergreifende Datenstrategie und damit einhergehende, übergreifende Datenmanagement Fähigkeiten unerlässlich.“

Literatur.

  1. [1-6] Heike von der Gracht, Stefanie Kisgen, Nick Lange und Jessica Jalufka, SIBE GmbH, Steinbeis Hochschule, Kalkofenstraße 53, 71083 Herrenberg, Steinbeis-Edition, Stuttgart, 1. Auflage, 2021, ISBN: 978-3-395663-175-7.

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Personen zum Artikel.

Dr. Andreas Benischke

Senior Management Consultant

Dr. Andreas Benischke studierte zunächst Chemie und Biochemie auf Bachelor an der LMU in München. Danach machte seinen Master in Chemie und promovierte an der Fakultät für Chemie und Pharmazie im Fachbereich Organische Chemie.
Während seiner beruflichen Laufbahn arbeitete Herr Dr. Benischke als Chemiker im Bereich Forschung und Entwicklung.  Dabei wirkte er in der Entwicklung und Optimierung von Verfahren für die Herstellung organischer Produkte und APIs gemäß ISO und cGMP Richtlinien. Außerdem führte er Laborverfahren in die Entwicklung ein, etablierte neue Technologien, arbeitete Analyseverfahren aus und erstellte Risikoanalysen. Darüber hinaus hat Herr Dr. Benischke unter anderem Expertise in metallorganischer Chemie, im Bereich homogener Katalyse und organischer Synthese und Prozesschemie.
Dr. Andreas Benischke unterstützt Entourage als Senior Management Consultant.

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