“Social Distancing”: The Need to keep Distance! Eine Fallbeschreibung.

Die Übertragung einer 2019-nCoV-Infektion durch einen asymptomatischen Kontakt in Deutschland.
Die Übertragung einer 2019-nCoV-Infektion durch einen asymptomatischen Kontakt in Deutschland.

Rothe et al., 2020 berichten in der New England Journal of Medicine Ausgabe vom 5. März, 2020 von einem Fall einer 2019-nCoV (Anmerk. SARS-CoV-2) Infektion, die außerhalb Asiens erfolgte, wo scheinbar die Infektion (Virus-Übertragung/Ansteckung) während der Inkubationszeit stattgefunden hat (dies ist der sog. Indexpatient in der Publikation).

Rothe, C, Schunk M, Bretzel G, et al., 2020*. Transmission of 2019-nCoV Infection from an Asymptomatic Contact in Germany, N Engl J Med 382;10 March 5, 2020.
DOI: 10.1056/NEJMc2001468
https://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMc2001468?articleTools=true, accessed 25.03.2020.

FALLBESCHREIBUNG.
    • „Ein 33-jähriger sonst gesunder deutscher Geschäftsmann (Patient-1) erkrankte an einer Halsentzündung, Schüttelfrost und Myalgien am 24. Januar 2020. Am folgenden Tag entwickelte sich ein Fieber von 39,1°C (102,4°F), zusammen mit einem produktiven Husten.
    • Am Abend des nächsten Tages begann er sich besser zu fühlen und ging am 27. Januar wieder zur Arbeit.
    • Vor dem Auftreten der Symptome hatte er an einem Treffen mit einer chinesischen Geschäftspartnerin in seinem Unternehmen in München am 20. und 21. Januar teilgenommen.
    • Die Geschäftspartnerin, in Shanghai wohnend, hatte Deutschland zwischen dem 19. und 22. Januar besucht. Während ihres Aufenthaltes war es ihr gut gegangen, ohne Anzeichen von Symptomen einer Infektion.
    • Nach ihrem Rückflug Flug nach China, wurde sie am 26. Januar positiv getestet auf 2019-nCoV (SARS-CoV-2, der Indexpatient).
    • Am 27. Januar informierte sie das deutsche Unternehmen über ihre Krankheit.
    • Die Suche nach Kontaktpersonen wurde begonnen, und der oben erwähnte Kollege wurde an die Abteilung für Infektionskrankheiten und Tropenkrankheiten Medizin in München zur weiteren Behandlung vorstellig.
    • Zur Zeit der Klinikkonsultation war er fieberfrei und gesund. Er berichtete, keine früheren oder chronischen Krankheiten zu haben und hatte keine Vorgeschichte von Auslandsreisen innerhalb der letzten 14 Tagen vor dem Auftreten der Symptome.
    • Zwei naso-pharyngeale Abstriche und eine Sputumprobe wurden entnommen und als 2019-nCoV positiv (SARS-CoV-2) durch quantitative Reverse-Transkriptase-Polymerase-Ketten Reaktion (qRT-PCR) befundet.
    • Der Test ergab eine hohe Viruslast von 108 Kopien pro Milliliter in seinem Sputum während der folgenden Tage, wobei das letzte verfügbare Ergebnis am 29. Januar erzielt wurde.
    • Am 28. Januar wurden drei weitere Mitarbeiter des Unternehmens positiv auf 2019-nCoV getestet.
    • Von diesen Patienten, hatte nur Patient-2 Kontakt mit dem Indexpatienten; die beiden anderen Patienten hatten nur Kontakt mit Patient-1.
    • In Absprache mit den Gesundheitsbehörden wurden alle Patienten mit bestätigter 2019- nCoV-Infektion in eine Münchner Infektionskrankheit-Abteilung eingewiesen.
    • Bislang hat keiner der vier Patienten Anzeichen einer schweren klinischen Erkrankung gezeigt.

Dieser Fall einer 2019-nCoV-Infektion wurde in Deutschland diagnostiziert und außerhalb Asiens übertragen. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Infektion offenbar während der Inkubationszeit des Indexpatienten, bei dem die Krankheit kurz und unspezifisch war, übertragen wurde.

Die Tatsache, dass asymptomatische Personen potenziell Quellen der 2019-nCoV-Infektion sein können, mag eine Neubewertung der Übertragungsdynamik des aktuellen Ausbruchs fordern.

In diesem Zusammenhang ist der Nachweis von 2019-nCoV und einer hohen Sputum-Viruslast bei einem rekonvaleszenten Patienten (Patient-1) und auch die verlängerte Freisetzung von 2019-nCoV nach der Genesung Besorgnis erregend.

Dennoch muss die Lebensfähigkeit von 2019-nCoV, die mittels der qRT-PCR bei diesem Patienten nachgewiesen wurde, durch eine Anzucht in der Zellkultur (Viruskultur) nachgewiesen werden.

(Anmerk. der molekularbiologische Nachweis der spezifischen SARS-CoV-2 RNA (RNA, Ribo-Nukleinsäure) durch die pRT-PCR zeigt nicht zwingend an, dass diese RNA auch infektiös ist. Der „Goldstandard“ in der Virologie zu beweisen, dass die Virus-RNA infektiös ist, wird üblicherweise durch die Anzucht der Isolate (aus Sputum/Rachenabstrich) in-vitro, in der Zell-Kultur (z.B. auf Vero-Zellen, Affennieren-Zellen) erbracht.

Alle vier Patienten, die in München untersucht wurden, hatten milde Symptome und wurden in erster Linie aus Gründen der öffentlichen Gesundheit ins Krankenhaus eingeliefert.

Da die Kapazitäten der Krankenhäuser begrenzt sind – insbesondere angesichts des gleichzeitigen Spitzenwerte der Influenza-Saison auf der Nordhalbkugel – sind weitere wissenschaftliche Untersuchungen notwendig, um festzustellen, ob solche Patienten außerhalb des Krankenhauses durch geeigneten Maßnahmen und mit Übersicht behandelt (Anmerk. angeleitet?) werden können“.

*Folgende Wissenschaftler waren an der Erhebung dieser Daten und der Publikation beteiligt:

Camilla Rothe, M.D.
Mirjam Schunk, M.D.
Peter Sothmann, M.D.
Gisela Bretzel, M.D.
Guenter Froeschl, M.D.
Claudia Wallrauch, M.D.
Thorbjörn Zimmer, M.D.
Verena Thiel, M.D.
Christian Janke, M.D.
University Hospital LMU Munich, Munich, Germany
rothe@lrz.uni-muenchen.de (Anmerk. corresponding author)

Wolfgang Guggemos, M.D.
Michael Seilmaier, M.D.
Klinikum München-Schwabing, Munich, Germany

Christian Drosten, M.D.
Charité Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Germany

Patrick Vollmar, M.D.
Katrin Zwirglmaier, Ph.D.
Sabine Zange, M.D.
Roman Wölfel, M.D.
Bundeswehr Institute of Microbiology, Munich, Germany

Michael Hoelscher, M.D., Ph.D.
University Hospital LMU Munich, Munich, Germany

FAZIT:

Rothe et al., 2020 haben in ihrer Mitteilung (N Engl J Med-Correspondence) wohl einen ersten, wesentlichen Unterschied zwischen der SARS-CoV (Pandemie 2002/2003) und der jetzigen SARS-CoV-2-(Pandemie 2020) aufgezeigt, was die Ansteckungsmöglichkeit anbelangt.

Wir erinnern uns: die SARS-CoV-Übertragung (Infektion) konnte wohl offensichtlich durch das Messen erhöhter Temperatur des SARS-CoV-infizierten Patienten bestimmt und dadurch auch zu einem gewissen Grad die Ausbreitung kontrolliert werden. Auf der Basis verfügbarer Informationen scheint es so gewesen zu sein, dass Personen mit SARS (SARS-CoV) nur dann am wahrscheinlichsten ansteckend gewesen sind, wenn sie Symptome wie Fieber oder Husten hatten. Die SARS-Patienten waren in der zweiten Krankheitswoche am ansteckendsten. Als Vorsichtsmaßnahme gegen die Ausbreitung der Krankheit empfiehlt das CDC jedoch, dass Personen mit SARS ihre Interaktionen außerhalb des Hauses einschränken (z.B. indem sie nicht zur Arbeit oder zur Schule gehen) bis 10 Tage nachdem ihr Fieber abgeklungen ist und sich ihre Atemwegs-(Atem-) Symptome gebessert haben.[1][2]

Die Rothe et al., 2020-Publikation zeigt, dass eine Ansteckung durch eine infizierte Person möglich ist, bevor die infizierte Person Symptome zeigt (und sich daher in der Inkubationszeit befindet) und damit zur Infektionsquelle werden kann.

KEEP DISTANCE!

Referenzen.

    1. [1] CDC, Frequently Asked Questions About SARS https://www.cdc.gov/sars/about/faq.pdf, accessed 25.03.2020.
    2. [2] SARS Basic Fact Sheet, CDC: https://www.cdc.gov/sars/about/fs-SARS.pdf, accessed 25.03.2020.

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Personen zum Artikel.

Dr. Ralf Hess

Principal Management Consultant

Dr. Ralf Hess studierte Biologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und promovierte ebenda am Institut für Virologie. Dr. Hess verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklung von Medizinprodukten und Arzneimitteln sowie deren Kombination, in der Laboranalytik und deren Qualitätssicherung. Der Qualitäts-Experte hat QM-Systeme nach ISO und GxP für verschiedene Anwendungsbereiche aufgebaut, implementiert und aufrechterhalten. Das Kundendienstleistungsportfolio reicht von Herstellern klassischer und biologischer Medikamente über Medizinprodukteunternehmen und Impfstoffherstellern bis hin zu immunhistochemischen, immunologischen, molekularbiologischen und serologisch-diagnostischen Laboren. Dr. Hess ist weltweit als Auditor im GxP/ISO-Bereich tätig und hat langjährige Erfahrung in FDA Remediation Projekten sowie der regulatorischen Entwicklung von Kombinationsprodukten (Drug Device Products).
Dr. Ralf Hess unterstützt Entourage als Principal Management Consultant.

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