Warum Repurposing in einer Notfallsituation die einzige Option ist.
Die Neuentwicklung eines Medikaments dauert im Schnitt über 13 Jahre. Im April 2020 blieb dafür keine Zeit. Drei Kernaussagen zum Repurposing-Ansatz:
Repurposing bezeichnet den Einsatz von Medikamenten, die bereits gegen andere Erkrankungen entwickelt und zum Teil zugelassen wurden – nun aber auf ihre Wirksamkeit gegenüber einem neuen Erreger geprüft werden.
Repurposing-Kandidaten haben die grundlegenden nicht-klinischen Sicherheitsprüfungen bereits hinter sich – und verfügen über Sicherheitsprofile aus der Anwendung am Menschen.
Das beschleunigt die Zulassung erheblich – sofern kontrollierte klinische Studien (RCTs) Wirksamkeit und Sicherheit im neuen Kontext belegen.
Die 8 Strategien zur pharmazeutischen Intervention.
Weltweit arbeiteten Wissenschaftler 2020 unter Hochdruck an antiviraler SARS-CoV-2-Medikation. Diese Ansätze wurden parallel verfolgt:
SARS-CoV-2-Genom und spezifische Proteine.
Auf Basis detaillierter Kenntnis des Genoms und der kodierten Proteine wurden gezielte Angriffspunkte für Wirkstoffe identifiziert.
Viruseintritt und Vermehrung.
Erkenntnisse zur Virusinfektionsform und zu SARS-CoV in vitro lieferten erste Hinweise auf wirksame Hemmstoffe.
Computergestützte Molekülmodelle.
In-silico-Methoden ermöglichten die schnelle Identifikation möglicher Wirkstoff-Protein-Interaktionen noch vor dem Labor.
In-vitro-Erkenntnisse zugelassener Substanzen.
Bekannte Substanzen wurden in Zellkultur-Modellen auf Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 getestet – darunter Remdesivir und Chloroquin.
Repurposing zugelassener Antiviralia.
Bereits für andere RNA-Virusinfektionen zugelassene Medikamente wurden auf COVID-19-Wirksamkeit geprüft – der klassische Repurposing-Ansatz.
Repurposing klinisch erprobter, nicht zugelassener Substanzen.
Kandidaten in klinischer Prüfung ohne abgeschlossene Zulassung – schnell zugänglich via Compassionate Use oder Härtefallprogramme.
Erkenntnisse aus SARS-CoV / MERS-CoV.
Klinische Erfahrungen aus den Ausbrüchen 2002/03 und MERS lieferten wertvolle Hinweise auf Behandlungsansätze und deren Grenzen.
Rekonvaleszentes Plasma.
Plasma von genesenen COVID-19-Patienten mit neutralisierenden Antikörpern wurde in ersten Fallserien bei schwer erkrankten Patienten getestet.
Die Kandidaten im April 2020.
Vier Substanzen standen 2020 besonders im Fokus der Repurposing-Forschung gegen SARS-CoV-2:
Remdesivir – Ursprünglich gegen Ebola entwickelt, hemmte es in vitro die RNA-Polymerase von SARS-CoV-2. Erste Berichte aus US-Krankenhäusern zeigten vielversprechende Wirkung. Das BfArM genehmigte ein Härtefallprogramm.
Chloroquin / Hydroxychloroquin – Das Anti-Malaria-Präparat hemmte in Zellkulturen die Virusvermehrung. Gleichzeitig warnten Behörden vor schweren Herzrhythmusstörungen. Klinische Studien wurden abgebrochen.
Favipiravir (T-705) – Zugelassen für Influenza, hemmte es in vitro die RNA-Polymerase mehrerer RNA-Viren einschließlich SARS-CoV-2. Klinische Evidenz stand noch aus.
Lopinavir/Ritonavir & Camostat Mesilate – Beide inhibieren Proteasen, die für die Virusvermehrung essenziell sind. Camostat hemmt zusätzlich TMPRSS2 – die zelluläre Protease, die SARS-CoV-2 für den Eintritt in Lungenzellen aktiviert.
„In-vitro ≠ klinische Wirksamkeit. Was 2020 als Hoffnungsträger galt, musste sich in randomisierten Studien bewähren – und nicht alles hat bestanden."
Update 2025: Was daraus wurde.
Fünf Jahre nach Erscheinen dieses Beitrags lässt sich Bilanz ziehen:
Remdesivir wurde im Oktober 2020 von der FDA als erstes COVID-19-Medikament zugelassen (Veklury®). Bei hospitalisierten Patienten mit Sauerstoffbedarf zeigte es eine signifikante Verkürzung der Genesungszeit.
Chloroquin / Hydroxychloroquin scheiterte in großen kontrollierten Studien (u.a. WHO Solidarity Trial). Ein Lehrstück über den Unterschied zwischen in-vitro-Daten und klinischer Realität – und über die Gefahr politischen Drucks auf Zulassungsprozesse.
Favipiravir zeigte begrenzte Evidenz bei milden bis moderaten Verläufen. In Japan und einigen Ländern eingesetzt, aber keine breite internationale Zulassung.
Lopinavir/Ritonavir zeigte im WHO Solidarity Trial keinen klinischen Nutzen und wurde aus den meisten Behandlungsprotokollen gestrichen.
Neue Repurposing-Erfolge nach 2020: Dexamethason erwies sich als einer der wirksamsten Ansätze überhaupt. Paxlovid (Nirmatrelvir/Ritonavir, 2021) baut auf Repurposing-Erkenntnissen zu Proteaseinhibitoren auf.
Drei Lehren für Pandemic Preparedness.
Was die Pharmaindustrie und Regulatoren aus der COVID-19-Repurposing-Erfahrung mitnehmen sollten:
In-vitro ≠ klinische Wirksamkeit.
Zellkulturdaten sind ein Ausgangspunkt, kein Beweis. Chloroquin ist das schmerzhafteste Beispiel dafür, wie politischer Druck die wissenschaftliche Evidenzlatte absenken kann.
RCTs bleiben der Goldstandard.
Auch unter extremem Zeitdruck sind randomisierte kontrollierte Studien unverzichtbar. Der WHO Solidarity Trial war das wichtigste Beispiel für internationale Koordination unter Pandemiebedingungen.
Regulatorische Flexibilität braucht Strukturen.
Compassionate Use und bedingte Zulassungen funktionieren – aber nur wenn die Rahmenbedingungen vorab etabliert sind. Pandemic Preparedness bedeutet: diese Strukturen vor der nächsten Krise bereitstellen.
Regulatory Agility für den Ernstfall vorbereiten.
Ob Pandemic Preparedness, beschleunigte Zulassungsverfahren oder Compassionate-Use-Programme – Entourage unterstützt Life-Sciences-Unternehmen dabei, regulatorische Strategien zu entwickeln, die auch unter Druck funktionieren.
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